Zimmer eins: Power

Quelle: Zimmer Eins - Das Patientenmagazin, Herausgeber: Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), Ausgabe 8/2017, August 2017

 

"Sind Sie ein Nerd, Dr. Mark Benecke?"

VON DANIEL WEHNER

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Dr. Mark Benecke: Seit mehr als 20 Jahren ist der „Herr der Maden“ als wissenschaftlicher Forensiker unter anderem im Bereich der Insektenkunde aktiv. Er ist Deutschlands einziger öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für biologische Spuren und untersuchte unter anderem Adolf Hitlers Schädel. Er veröffentlicht Artikel, Sach- und Kinderbücher sowie Experimentierkästen und geht auf seiner Tournee gemeinsam mit dem Publikum auf Spurensuche.


Aus der Perspektive meiner Umgebung bin ich ein Nerd. Ich würde mich selbst nicht so nennen, aber kann sehr gut damit leben.

Mein Bruder und ich besaßen die ersten Heimcomputer, wir haben nie Sport gemacht, nicht auf Moden geachtet und alles sachlich definiert. Fragt uns jemand, ob wir an Gott glauben, antworten wir bis heute: „Definier’ doch mal Gott“. Früher war man dadurch der der Seltsame oder Kauz. Heute ist es cool geworden, weil wir auch etwas schräge Spezialisten im technischen oder naturwissenschaftlichen Bereich brauchen. Deshalb sind auch Serien wie „Big Bang Theory“ erfolgreich, die von einer Physiker-WG handelt. Nerds versachlichen und detaillieren – das ist eine Stärke.

Ein Beispiel: Ich wurde einmal zu einem Mordtatort gerufen, an dem noch Teelichter brannten. Als ich die Lichter fotografiert habe, fragten die anderen mich, ob ich nichts Besseres zu tun hätte. Aber im Nachhinein haben diese scheinbar nebensächlichen Details bei der zeitlich-räumlichen Rekonstruktion der Tat geholfen. Man konnte auf den Fotos sehen, wie weit die kleinen Kerzen schon heruntergebrannt waren.

Ich werde oft gefragt, ob man mit der Zeit lernt, Bilder von schweren Gewalttaten oder intensive Tatortgerüche zu ertragen. Aber darum geht es mir nicht. Ich nehme die Welt wahr wie sie ist. Ich bewerte nicht und ekle mich daher auch nicht. „Nerds” beobachten objektiv, und in meinem Beruf lasse ich zusätzlich alles neutral auf mich einwirken. Denn wenn man alle Details wahrnimmt, wird man zu jemanden, der Tatortbilder und -gerüche bearbeiten kann und ihnen nicht ausgeliefert ist.

Gerüche sind zudem unsere Kooperationspartner. Ich kann beispielsweise durch eine Stadt gehen und anhand der Gerüche genau sagen, wo tote Vögel im Gully oder in Büschen liegen. Andere blenden das erstaunlicherweise aus. Sie riechen zwar die Fäulnis, aber für viele Menschen existiert sie trotzdem nicht, weil sie die Fäulnisgerüche verdrängen.

Allerdings ist die Stärke des Versachlichens auch oft mit einer großen Schwäche verbunden: Ich sehe zum Beispiel keine sozialen Zusammenhänge. Nach keinem Kinofilm – selbst wenn es Spiderman ist – bin ich in der Lage, richtig zu beschreiben, in welchem Verhältnis die Figuren zueinander stehen. Harry Potter musste ich dreimal gucken, um zu verstehen, zu welchen Häusern die Zauberschüler gehören.

Ich denke, das hängt damit zusammen, dass ich einen Schuss Autismus habe. Der berühmte Nervenarzt Hans Asperger hat mal gesagt, dass man leicht autistische Züge braucht, wenn man sehr detailverliebt ist und Dinge tut, die andere so langweilen.

Mit herzlichem Dank an Johannes Dorenkamp und die Redaktion für die Freigabe und die Genehmigung zur Veröffentlichung.

Tattoos im Grassi-Museum für Völkerkunde: Du gehörst ins Museum!

Für: TM / Tätowiermagazin

Version: 9. Juli 2017

In menschenkundlichen Sammlungen finden sich öfters auch Tätowierungen: Vom Instituts-Museum der Rechtsmedizin Bukarest, wo Hautstücke tätowierter Menschen im Verbechens-Museum ausliegen, bis zu Fotos und Zeichnungen, die Forschungsreisende in den letzten Jahrhunderten angefertigt und in Museen nach Europa und Nordamerika mitgebracht hatten. Im Völkerkundemuseum in Leipzig — einer der weltweiten Hauptstädte des entspannten Tattoo-Tragens — läuft nun unter der Überschrift “Grassi Invites IV” (‘Grassi lädt ein’)” die ganz andere Aktion “Tattoo und Piercing – Die Welt unter der Haut”. 

Das ist nämlich keine künstlich cool gemachte Rückschau. Stattdessen können dort schon seit Mitte März (noch bis Mitte September) Kinder und Jugendliche beispielsweise in einem “Tattoo-Labor” zusammen mit dem jungen Ausstellungsteam anschauen, was Tattoos überhaupt sind und dabei ihre Meinung — auch zu Piercings — offen aufschreiben. Die dabei entstehenden, echt lustigen Kärtchen werden dann gleich ausgestellt. 

Im Juli ging’s um Tätowiermaschinen, wie sie beispielsweise im Knast und auf der Straße verbreitet waren, und auch um Graffitis, die besonders in den USA viele Tätowierer*innen auf ihren Wegen begleitet haben. Eine Soundinstallation liefert dabei durchgehend Tätowier-Sounds, und jede Menge Fotos zum einfach nur Staunen gibt es sowieso.   

Unter diese laboratmosphärische Mischung mischt sich — und das finde ich äußerst geil — kommentarlos korrekte Tattoo-Kunst, etwas von Ricaletto (geb. 1986), der als Grafiker und Künstler in Leipzig arbeitet: Er steuerte kopierte und selbst zusammengeheftete… äh… Broschüren mit dem Titel “Too Cool For School” bei. Darin finden sich Tätowiervorlagen und Fotos seiner öfters wilden Tattoo-Sessions, außerdem Flashes und Skizzen hochklassig schwarzweißer Oldschool-Güte. Bei den Freund*innen sanfter Tätowierfarbkompositionen löst daswohl Staunen, bei den Liebhaber*innen des altschuligen “Bold Will Hold” hingegen ein fettes Freudentänzchen aus. 

Am 29. Juni hatte ich die Ehre, ein via Facebook und Plakaten aufgerufenes und vor Ort spontan zusammengewürfeltes Zufalls-Team aus tätowierten Menschen im “Labor” auf WG-Paletten-Couch-Möbeln vor Publikum zu interviewen. Mitgemacht hat eine Lehrlingin des Leipziger Verkehrsbetriebe (sie wird Straßenbanfahrerin), ein Tätowierer, der unter anderem über Erinnerungstattoos nach Todesfällen sprach, eine sauber vollgepiercte Zuschauerin und viele andere Menschen, die dem Publico durch ihre ehrliche und freundliche Art mehr Respekt abzollten als es auf mancher Con aus dem Graben spürbar ist.

Fotografen wie Nick Putzmann und Benajamin Pohle schossen derweil vor einer weißen Studiowand oder im Freien Fotos aller Freiwilligen. Die Fotos, Videos und Interviews landen, getreu dem Aktions-Motto ”Du gehörst ins Museum”, danach im Körperkunst-Archiv des Grassi. Es trägt, das ist jetzt schon von den Kurator*innen beschlossen, für die kommenden Jahrhunderte den Namen “Living Archive” — zack!

Damit das Archiv auch wirklich von der ersten Sekunde an lebt, gibt’s im Grassi vom 22. September 2017 bis zum 7. Januar 2018 die direkt aus den bisherigen Aktionen gespeiste Ausstellung “(un)covered”. ”Ausgehend von den zahlreichen Geschichten und Fotografien”, so die erfreulich entspannten People vom Museum, “entsteht von der örtlichen Sicht ausgehend eine weltweite Schau. Mit Objekten, Fotografien, Zeichnungen aus den Sammlungen der Völkerkundemuseen in Leipzig, Dresden und Herrnhut, mit Performances und zeitgenössischer Kunst liefern wir neue Blickwinkel auf die intimen, aber immer öfter sichtbaren Tattoos und Piercings.”

Übringens: Das alles untergräbt niemandes Coolness, sondern es ist eine saugeil, liebvoll, jung und urteilsfrei umgesetzte Sache, die Tattoos ein verdientes, schönes und zeitgemäßes Plätzchen an einem duften Ort einräumt. Ganz ohne Bartkratzen, Bedenkenträgerei und Bluff. Geht hin und macht mit!

Link: http://www.mvl-grassimuseum.de/ausstellungen/2017/tattoo/

Strategien zur Tierleidminderung: Kampagne gegen Qualzucht und Qualhaltung

Der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft kommt in seinem Gutachten „Wege zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung“ von März 2015 zu dem Schluss, dass unsere derzeitige Nutztierhaltung hinsichtlich relevanter gesellschaftlicher Ziele wie Umwelt-, Tier- und Verbraucherschutz nicht zukunftsfähig ist. Deshalb fordern sie tiefgreifende Änderungen in der Nutztierhaltung, da die tägliche Praxis unserer landwirtschaftlichen Produktion in hohem Maße mit Qualzucht und Qualhaltung verbunden ist.

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Tattoo Special: Dr. Mark Benecke

Bei unserem diesmaligen Special erwartet Dich jemand ganz Besonderes: Dr. Mark Benecke. Seit über 20 Jahren ist der Kriminalbiologe auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Forensik aktiv.

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