Menschen sind halt seltsam

Quelle: Forum, das Wochenmagazin, 16. Januar 2026

„Menschen sind halt seltsam

Von Svenja Welsch

Er ist der bekannteste Kriminalbiologe Deutschlands: Dr. Mark Benecke arbeitet nicht nur im Labor, sondern teilt seine Expertise auch mit einer Vielzahl interessierter Forensik- und Krimi-Liebhaber. Ein Interview über seine Arbeit, den Hype um True Crime und umkippende Show-Besucher.

Herr Benecke, Sie arbeiten als Kriminalbiologe. Was ist das überhaupt?

In meinem Fall: Jemand, der in Verbrechens-Fällen beispielsweise Blut, Haare, Insekten, Kot, Erbgut, Urin, Speichel, Krümelchen und Leichen-Magen-Inhalte untersucht. Es gibt auch Kolleginnen und Kollegen, die nur im Labor mit Erbgut arbeiten, oder andere, die nur Pollen anschauen. Kommt immer drauf an.

Foto: Ines Fischer

Foto: Ines Fischer

Ist ja jetzt nicht unbedingt der typische Berufswunsch aus der Grundschule. Wie kamen Sie dazu?

Zufall. Ich habe im Institut für Rechtsmedizin in Köln als Student genetische Fingerabdrücke lernen dürfen. Ich fand die Idee spannend, auf diese Art vielleicht Bio-Androiden von echten Menschen zu unterscheiden. Da das Labor im Keller bei den Leichen war, bin ich dabei irgendwie hängen geblieben.

Das große Interesse an Ihrem Berufsfeld hat Sie nicht nur zu einem Podcast, sondern sogar vor Live-Publikum geführt. Wie kam es denn dazu?

Ich antworte, wenn Menschen mich etwas fragen, und suche die Studien dazu heraus. Für Radio Eins (rbb/ARD) habe ich fünfundzwanzig Jahre lang ohne irgendeine Pause jeden Samstagmorgen eine neue Forschungs-Studie live ohne Fremdworte vorgestellt. Als Kind habe ich manchmal keine Antworten erhalten, das hat mich mega genervt. Daher habe ich mir vorgenommen, als Erwachsener alle Fragen nachzuschlagen und klar, kurz und einfach zu erklären. Während Corona hatten meine Frau und ich den größten deutschsprachigen Corona-Kanal, vom ersten bis zum letzten Tag der Pandemie, ohne Fremdworte, ohne Gelaber, nur die jeweils neuesten Messungen.

Wie erklären Sie sich das Interesse an forensischer Arbeit?

Die meisten Menschen möchten schon gerne die gemessene Wahrheit wissen. Sie können aber nicht immer schwierig geschriebene Studien lesen.

True Crime boomt ohne Ende. Können Sie das verstehen?

War schon immer so, seit Erfindung des Buchdruckes. Das hat viele Gründe. Drei davon: Menschen ist langweilig, oder sie sind dem Tod zu nahe gekommen, oder sie rätseln gerne.

Wie stehen Sie selbst zu True Crime? Oder muss man nach dem Job auch einfach mal abschalten und etwas anderes sehen?

Ich habe jeden Tag mit echten Verbrechen zu tun. Das ist für mich normal.

Dieser Hype ist auch oft eine Gradwanderung. Wenn ich beispielsweise an Netflix-Produktionen wie „Monster“ denke, so werden die dort behandelten Täter auch gerne mal regelrecht glorifiziert vom Publikum. An die Opfer oder deren Hinterbliebene denkt da dann selten einer. Wo verläuft die Grenze?

Ich schaue so was grundsätzlich nie, daher kann ich dazu nichts sagen. Ich habe auch noch nie „Medical Detectives“, wo ich seit über zwanzig Jahren Spuren erkläre, gesehen und auch noch nie die Serie „Tatort“. Wie gesagt, wir haben genug echte Fälle, die echte Menschen mit den echten Beteiligten – oft auch Angehörigen oder Täterinnen und Tätern – bearbeiten.

Stichwort Serientäter: Diese faszinieren uns besonders stark. Warum – und was macht sie aus?

Kommt drauf an. Es können narzisstische Antisoziale sein oder Menschen, die mangels innerer Widerstände ins Verbrechen rutschen, oder beides. Ein gutes Interview dazu habe ich mit Nico Claux, Mörder und Kannibale, gerade auf der Serienmord-Ausstellung gemacht, ist bei Youtube zu sehen (Anm. d. Red., unter folgendem Link aufrufbar: https://youtu.be/O2u8bdJl5Lw)

Wie erklären Sie menschliche Grausamkeit, die in einem solchen Täter stecken muss?

Klassische Serien-Täter suchen eine zuverlässige Bindung. Leider haben sie null Ahnung und null inneres Vermögen, wie die aussehen könnte. Daher machen sie das Falschestmögliche, um „dauerhafte“ Erlebnisse zu erschaffen.

Nicht nur in Sachen True Crime, auch im fiktionalen Bereich sind Thriller- und Horror-Fans von besonders grausamen Verbrechen in den Bann gezogen. Was ist für Sie die Spitze aller Grausamkeit?

Sehr grausam ist es beispielsweise, Tiere oder deren Ausscheidungen zu essen und gleichzeitig zu behaupten, man oder frau sei Tier-Freundin oder -freund. Das ist nicht nur grausam gegenüber den gefolterten Tieren, sondern zudem Selbst- und Fremd-Betrug.

Einige Ihrer Kollegen zeigen in ihren Bühnenshows auch gern einmal Fotos von Leichen – egal, in welchem Zustand. Wie handhaben Sie das – und wie reagiert da das Publikum?

Ich zeige in mehreren Vorträgen keine einzige Leiche. Das spielt sich sehr oft im Kopf der Menschen ab. Es gibt zwei Vorträge, wo Menschen neuerdings öfter umkippen, das ist der über Blut-Spuren (ohne Leichen) und der über mittelalterliche, christliche Gemälde (Leichen vorwiegend auf den Gemälden zu sehen).

Nun sprechen wir hier nur von Vorträgen, Sie arbeiten tagtäglich ganz nah daran. Wie geht man damit um? Nimmt man da auch das ein oder andere Mal negative Emotionen mit nach Hause oder können Sie das trennen?

Ich nehme alle Handlungen so, wie sie sind. Menschen sind halt seltsam. War schon immer so, wird immer so sein. Wir können nur versuchen, aus den Taten zu lernen, wie künftige Taten zu verhindern sind. Wenn das aber keinen interessiert, können wir das als spurenkundliches Labor auch nicht ändern.

Gab es einen Fall, der Sie besonders beschäftigt hat?

Ich behandele alle Fälle und alle Menschen haargenau gleich. Mein Team auch.

Anders gefragt: Was macht für Sie einen wirklich spannenden Fall aus?

Mir ist egal, ob er spannend wirkt. Interessant ist für mein Team und mich, ob es messbare Spuren gibt. Wenn die vorhanden sind, dann geht es weiter.

Gibt es in Ihren Augen ein „unlösbares“ Verbrechen?

Alle, von denen niemand je etwas erfahren hat. 

Hitlers Erbgut (DNA): Kallmann-Syndrom

Neues zu Hitlers Schädel und Erbgut (Auf dem Foto seht ihr mich in Moskau mit einem Schädel-Stück von Hitler und der Sofa-Lehne, auf der er sich und seine Ehe-Frau erschossen hat.)

»Sa, 15.11.2025, Geschichte Fernsehen Medizin Forschung Wissenschaft Medien DNA:  Hitlers Blut im Labor - Kriminalbiologe sieht valide Probe /  Britische Forscher wollen aus einer alten Blutprobe Hitlers neue Rückschlüsse über den Nazi-Diktator und seine sexuelle Gesundheit ziehen. Doch wie belastbar sind die Erkenntnisse? 

London (dpa) - Der bekannte Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke schätzt die in einer britischen Dokumentation verwendete Blutprobe zur Analyse von Adolf Hitlers DNA als valide ein. Die Probe in dem Film «Hitler's DNA: Blueprint of a Dictator» stammt von einem Sofa, auf dem sich der Diktator im Führerbunker erschossen haben soll. Er habe von einer anderen Stelle, der seitlichen Lehne, ebenfalls einen Abrieb gemacht, sagte Benecke der Deutschen Presse-Agentur.

Benecke hatte im Moskauer Staatsarchiv Zugriff auf diesen Teil des Sofas. In der Dokumentation wird zur Sequenzierung der DNA ein Stofffetzen mit Blut verwendet, der inzwischen in ein US-Museum gelangt ist. Er soll im Führerbunker von einem US-Soldaten gesichert worden sein. Hitler hatte sich am 30. April 1945 das Leben genommen. Der Beweis, dass das Blut auf dem Sofa Hitlers Blut ist, soll bereits 2008 durch einen Vergleich mit der DNA eines Mannes mit gemeinsamen Vorfahren väterlicherseits erbracht worden sein, berichteten mehrere britischen Medien begleitend zur Dokumentation, die an diesem Samstag im Vereinigten Königreich ausgestrahlt wird.

Den Berichten zufolge kommt das Forschungsteam der Doku zu der Analyse, in Hitlers Erbgut Hinweise auf das Kallmann-Syndrom entdeckt zu haben. Bei Menschen mit diesem Syndrom bleibt die Pubertät aus oder verläuft nicht vollständig. Bei Jungen entwickelt sich daher zum Beispiel nur wenig Körperbehaarung, der Stimmbruch kann ausbleiben. Auch die weiteren Geschlechtsmerkmale können sich nicht wie üblich bei Erwachsenen ausbilden.

Betroffene können außerdem nichts riechen oder ihr Geruchssinn ist stark vermindert. Bekannt sei, dass Hitler starken Mundgeruch hatte, diesen aber offensichtlich nicht selbst wahrgenommen hat, sagte Benecke. Hitler sei nahe an andere Menschen herangegangen und habe beispielsweise Witze erzählt. «Das hätte er vielleicht nicht gemacht, wenn er es selbst gerochen hätte», sagte der Sachverständige für biologische Spuren.«

Mit freundlicher Genehmigung der dpa 

Weitere Gegenstände aus Buchenwald sind aus Menschenhaut

Kriminalbiologe Mark Benecke präsentiert Forschungsergebnisse

Quelle: Evangelischer Presse-Dienst (epd), 18./19. Febr. 2025

Von Matthias Thüsing

Weimar/Baltimore (epd). Der Kriminalbiologe Mark Benecke hat für weitere Alltagsgegenstände aus den Sammlungen des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald nachgewiesen, dass sie aus menschlichen Hautstücken angefertigt wurden. "Darunter befinden sich ein weiterer Lampenschirm und eine Taschenmesser-Hülle, die uns aus Westdeutschland beziehungsweise England zugeschickt worden sind", sagte der Kölner Wissenschaftler dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Weimar. Sowohl die vergleichenden mikroskopischen Untersuchungen mit Menschenhaut als auch Erbgutuntersuchungen lieferten demnach zweifelsfreie Ergebnisse.

Eine Besonderheit der SS in Buchenwald war die Herstellung von makabren "Geschenkartikeln", die sich die SS-Männer gegenseitig überreichten. Menschenhaut wurde aus den Leichen von Häftlingen geschnitten und zu Alltagsgegenständen weiterverarbeitet.

Benecke hatte bereits im vergangenen März erste Ergebnisse seiner Arbeit in Weimar präsentiert. Damals konnte er für einen Lampenschirm aus dem überlieferten Bestand der Gedenkstätte nachweisen, dass Menschenhaut für die Herstellung verwendet wurde. Am Donnerstag wird Benecke seinen Abschlussbericht auf einer Tagung der American Academy of Forensic Sciences in Baltimore/USA öffentlich vorstellen.

Zu den Ergebnissen gehörte auch die Untersuchung eines Schrumpfkopfs aus Buchenwald. "Jetzt steht fest. Es handelt sich um Ziegenhaut und -haar, die entsprechend in Form gebracht wurden", sagte Benecke. Vor allem die Haare hätten zunächst für ein Präparat aus Pferd gesprochen. Erst eine Erbgutuntersuchung habe Klarheit gebracht.

Weiter offen ist laut Benecke die Frage nach der Person, der ein präpariertes Herz mit angeblicher Schussverletzung zuzuordnen ist. Das Organ wurde nach der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald in dessen Pathologischer Abteilung vorgefunden. "In dem Herzen konnten wir nach sehr, sehr vielen Versuchen in mehreren Speziallaboren kein Erbgut finden", sagte der Forscher. Zumindest habe er das Exponat anhand alter Fotos als das echte, "damalige" Herz aus der alten Sammlung eindeutig zuordnen können. "Es ist also "geschichtlich" gesehen durch Fotovergleich auch als menschlich bestimmt", sagte Benecke.

Für Buchenwald sei die Forschung nun abgeschlossen, sagte Benecke. Das sei gut, die Untersuchung sei ihm nahe gegangen. Allerdings gebe es möglicherweise Nachfolgeprojekte an anderen Orten. "Ich habe eine Anfrage aus Syrien erhalten. Die Ukraine ist auch ein möglicher Kandidat. Genozide gibt es leider immer wieder", sagte Benecke.


Weimar/Baltimore (epd). Der Kriminalbiologe Mark Benecke hat für weitere Gebrauchsgegenstände aus den Sammlungen des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald nachgewiesen, dass sie aus menschlichen Hautstücken angefertigt wurden. Darunter befinden sich ein weiterer Lampenschirm und eine Taschenmesser-Hülle. Am Donnerstag stellt der Kölner Wissenschaftler seinen Abschlussbericht erstmals auf der Tagung der American Academy of Forensic Sciences in Baltimore/USA vor.

epd: Nach der Zwischenpräsentation zu Artefakten aus Menschenhaut in Buchenwald haben Sie weitergeforscht. Wie sind Sie weiter vorgegangen? Welche und wie viele Gegenstände, Fragmente haben Sie weiter untersuchen lassen?

Mark Benecke: Wir haben 2024 noch ein weiteres Stückchen eines Lampenschirms und eine Taschenmesser-Hülle aus England erhalten. Kurz vor dem Abschluss des Projekts haben wir außerdem einen weiteren Lampenschirm bekommen. Er wurde direkt nach der Pressekonferenz in der Gedenkstätte Buchenwald in Westdeutschland gefunden und unserem Labor übergeben.

Was haben die Untersuchungen ergeben?

Leider sind alle diese Gegenstände auch aus Menschenhaut. Das haben vergleichende mikroskopische Untersuchungen mit Menschenhaut sowie Erbgutuntersuchungen zweifelsfrei ergeben.

Wo konnten sie Entwarnung geben?

Es hatte sich im Zwischenbericht ja angedeutet, dass der Schrumpfkopf vermutlich nicht menschlichen Ursprungs sein dürfte. Aber zunächst war die Untersuchung der Haare nicht eindeutig genug. Vieles sprach für ein Pferd. Daher habe ich auch hier noch einmal Erbgut untersucht und untersuchen lassen. Jetzt steht fest: Es handelt sich um Ziegen-Haut und -haar, die entsprechend in Form gebracht wurden. An dieser Stelle hatte übrigens meine Frau Recht: Ihr war früh aufgefallen, dass die Haare, die Ohr-Öffnung und anderes nicht zu einem Menschen passen. Sie muss es wissen. Sie verfügt über eine Ausbildung als staatlich geprüfte Kosmetikerin.

Was konnten Sie nicht klären?

Ein präpariertes Herz mit angeblicher Schussverletzung gehört ebenfalls zu den nach der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald in dessen Pathologischer Abteilung vorgefundenen Präparaten. In dem Herz aus der Sammlung konnten wir nach sehr, sehr vielen Versuchen in mehreren Speziallaboren aber kein Erbgut finden. Aber ich konnte es anhand alter Fotos als das echte, "damalige" Herz aus der alten Sammlung eindeutig zuordnen. Es ist also "geschichtlich" gesehen durch Fotovergleich auch als menschlich bestimmt. 

Was hat das Projekt gekostet?

Es hat sehr viel Zeit und Geld gekostet. Ich habe alles selbst bezahlt, da ich für diese Untersuchung einfach kein Geld nehmen wollte. Unglaublich wichtig war dabei der Sammlungsleiter der Gedenkstätte, der die ganzen alten Quellen und Fotos kannte sowie das sehr gründlich arbeitende Labor, das einen Arbeitsschwerpunkt auf verarbeiteter Haut - meist natürlich von Tieren - hat. Es war anstrengend, teuer und zwischendurch dachte ich, wir packen es nicht mehr. Aber nachdem auch die Untersuchung von Hitlers Schädel und Zähnen in Moskau ein Wahnsinnsaufwand war, und da ich die Wahrheit einfach liebe, haben wir es alle gemeinsam geschafft.

Sind die forensischen Untersuchungen damit abgeschlossen?

Ja. Ganz ehrlich: Ich glaube, dem Sammlungsleiter der Stiftung und mir ist das Ganze auch doch näher gegangen, als wir dachten. Es ist gut, dass es jetzt dauerhaft geklärt und der "Deckel zu" ist.

Wird es ein Nachfolgeprojekt geben? In Buchenwald oder anderswo?

Auch hier ein: "Leider ja." Ich habe gerade erst eine Anfrage aus Syrien erhalten. Die Ukraine ist auch ein möglicher Kandidat. Genozide gibt es immer.

Sind die Personen bekannt, aus deren Haut die untersuchten Gegenstände gefertigt wurden? Ließe sich das überhaupt genetisch klären?

Es gäbe eine Möglichkeit: Dazu müssten wir in die riesigen Familien-Stammbaum-Daten schauen. Der Sammlungsleiter und ich haben bisher entschieden, das nicht zu tun. Vermutlich bleibt es auch dabei. Manche Dinge sollten besser ruhen. Nur zu dem durchschossenen Herzen ist mit dem tschechischen politischen Häftling Jiri Horejsi (1920-1942) ein Name überliefert. Aber hier haben wir, wie gesagt, kein verwertbares Erbgut mehr vorgefunden.

Fast zum Ende noch eine Frage zu den Anfängen des Projekts: Wie kamen sie auf das Thema?

Mein Augenmerk auf Spuren aus Konzentrationslagern ist auf einer Sitzung erwacht: Im Jahr 2005 berichtete ein Kollege bei einer Tagung der American Academy of Forensic Sciences (AAFS), dass er Seife erhalten habe, die aus einem Konzentrationslager und aus Menschenfett gekocht sein könnte. Wir überlegten damals, wie sich das nachweisen ließe. Ohne diese Gesprächsrunde wäre ich vielleicht gar nicht auf die Spuren in Buchenwald gekommen.

Und noch mal zu heute: Welche Reaktionen haben Sie in der grundsätzlich streitfreudigen Wissenschaftscommunity nach Veröffentlichung der Zwischenergebnisse erreicht? Gab es Widerspruch?

Es herrschte zunächst Totenstille. Dann aber kam eine Überraschung: Die American Academy of Forensic Sciences, bei der ich schon seit den 1990er Jahren Mitglied bin, hatte meine Einreichung für die Konferenz gesehen und zum ersten Mal in meinem Leben beschlossen, meine Redezeit zu verlängern. Sonst wird sie eher gekürzt, um mehr Vorträge pro Sitzung einbauen zu können. Ich hatte nicht einmal danach gefragt. Jetzt wird der Vortrag mit über hundert Fotos nicht in einem Sonderteil der Tagung stattfinden, sondern auf der größten Veranstaltung dort, der sogenannten "Last Word Society". Das freut mich sehr, weil mich so besonders viele fachliche Anmerkungen erreichen werden.

epd ost mth

Halbes Bein im Volkspark gefunden

Quelle: Berliner Kurier, 1. März 2024, Seite 7

Von Stefanie Hildebrandt

Abgetrennter Oberschenkel: Kriminalbiologe Mark Benecke über den Gruselfund

In einem Park in Prenzlauer Berg wird ein Körperteil gefunden. Das verrät es dem Experten.

Die Suche nach weiteren Hinweisen im Fall eines abgetrennt aufgefundenen Oberschenkels in Berlin geht weiter und immer mehr Details werden bekannt. Bei der Berliner Polizei arbeitet man jedoch bisher im Verborgenen an dem Fall, hält sich mit Einzelheiten bedeckt.

Für den Berliner KURIER erklärt Deutschlands berühmtester Kriminalbiologe Mark Benecke, was sich für Experten alles an dem gefundenen Körperteil ablesen lässt.

In einem Park wird ein abgetrennter Oberschenkel gefunden. Was lässt sich an dem Fund ablesen?

“Anhand von Haut, Muskel, Haaren und dergleichen kannst du erst mal schauen, ob es eher ein Mann oder eher eine Frau sein könnte. Durch Erbgut kannst du das dann ebenfalls prüfen, aber auch schauen, ob die Person bekannt ist”, schreibt Mark Benecke. “Wenn sie beispielsweise schon mal in einer Erbgut-Datenbank eingestellt wurde, kriegst du einen “Treffer” und weißt, wer die Person ist von der der Schenkel stammt. Du kannst auch die Schnittkante anschauen: Kettensäge? Messer? Skalpell? Beil?”

Wie findet man heraus, wie lange der Schenkel schon da lag?

“Das geht nur über die Insekten-Besiedlung, das ist bei kaltem Wetter = wenigen Insekten aber schwierig. Zudem kann der Körperteil auch zwischendurch woanders gelegen haben, wo keine Insekten dran kommen, etwa einer Kühltruhe oder einer dicht verschlossenen Tüte oder Tasche.”

Wie kann man herausfinden, ob der Mensch lebte, als das Bein abgetrennt wurde?

„Durch Blutungen und Entzündungs-Merkmale an der Schnittkante. Wenn du lebst, blutet es im täglich bekannten Sinn‚ wenn jemand tot ist, dann verteilt sich das Blut kaum und anders. Im Gewebe-Dünn-Schnitt siehst du auch, ob zum Beginn den Versuch des Körpers zur Heilung gab, dann lebte die Person noch beim Schnitt. Wenn du keine Entzündungs- oder Heilungs-Merkmale in den Zellen siehst, war die Person schon tot”.

“Täter oder Täterinnen zerteilen Leichen öfter, um sie leichter tragen zu können, das heißt bei uns ‘defensive Leichen-Zerstückelung’, das heißt es hat nichts direkt mit der eigentlichen Tötung zu tun”, so Benecke.

Beim Abtrennen eines Oberschenkels werden große Blutgefäße durchtrennt, wie wahrscheinlich ist es, das bei laienhafter Ausführung zu überleben?

“Super unwahrscheinlich. Besonders die dicke Ader auf der Innenseite des Oberschenkels führt oft schon bei einem Stich hinein zum Verbluten.”

Einen Mordfall kann die Polizei in Berlin demnach auch nicht ausschließen.


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