Insekten sind Menschen wie du und ich

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Das Recht der Tiere — Das Tierschutzmagazin vom Bund gegen Missbrauch der Tiere e.V., Ausgabe 1/2019, S. 16—19 


Titelthema: Dr. Mark Benecke im Interview  

Nützlich oder schädlich: Diese Begriffe gibt es für Kriminalbiologen Dr. Mark Benecke nicht, wenn es um Insekten geht. Für ihn sind sie auch nicht anders als Menschen. Einzigartige Lebewesen, auf die man sich nur einlassen muss. Seit Jahren setzt er sich für ihren Schutz ein. 

Interview: Nina Ernst / Fotos: Ines Benecke & Thomas van de Scheck

Recht der Tiere: Wie steht es um das Image der Insekten? Hat es sich im Laufe der Zeit gewandelt?

Mark Benecke: Insekten kamen richtig in Mode, als die Menschen anfingen, sich mit der Vielfalt des Lebens zu beschäftigen. Als Charles Darwin und Alfred Wallace sich Gedanken über die Anpassung, aber auch die Menge der Lebewesen gemacht haben, ergab das auf einmal einen neuen Sinn: Das Netzwerk des Lebens. Forschungsreisen, Neugier und koloniale Wünsche haben dann Menschen angezogen, die gerne sortieren und sammeln. 

In Europa war das oft eine Beschäftigung für Lehrer, die eigentlich Forscher waren. Schnell gab es Karikaturen kauziger Schmetterlingssammler, die aber durchaus mit Sympathie gesehen wurden. Besonders während Landergreifungen wurde es dann unpraktisch, dass manche Insekten Krankheiten übertragen können. Vorher galten sie hauptsächlich als Lästlinge, etwa Flöhe und Läuse. Aber jetzt waren sie auf einmal Krankheitsüberträger und wirtschaftliche „Schädlinge". Dadurch wurden sie weiter erforscht. 

Das alles interessiert uns auch heute noch: Evolution, Verbreitung von Krankheiten, Sammelleidenschaft. Nur geht das in den vielen spektakulären Errungenschaften auf der Welt unter. Wenn in der Zeitung steht, dass in Korea Haustiere geklont werden, ist das für viele Menschen natürlich aufregender, als wenn ich von einem verfaulten Schwein aus Kolumbien eine neue Insektenart mitbringe. Was übrigens wirklich passiert ist — wir haben die Trauermücke Pseudolycoriella martita getauft. 

Insekten faszinieren aber immer noch viele Menschen — im Netz werden laufend großartige Fotos geteilt. 

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Spielt Ekel vor Insekten immer noch eine große Rolle? 

Als ich klein war, galten Marienkäfer allgemein als schön und Flöhe als hässlich. Aber das ist vorbei. Zwar finden manche Leute noch alles, was kreucht und fleucht, komisch. Aber anders als früher eher, weil sie es nicht kennen. Das ist ein Abwehrreflex. Viele „schöne" Insekten sind nur deshalb selten im Gespräch, weil man sie kaum noch sieht, beispielsweise Leuchtkäfer. Wenn jemand einem begegnen würde, würde kein Mensch auf die Idee kommen, dass das ekelig ist. So versteinert kann kein Menschenherz sein. 

Aber es kommt auch gar nicht auf Ästhetik an, sondern auf Herz und Verstand. Dass das Insekt vor einem ein echtes lebendes Gegenüber ist. 

Manche Menschen unterteilen Insekten in schädlich und nützlich. Aber eigentlich sind sie nur mehr oder weniger lästig. Und das, was wir lästig finden, sind oft persönliche Marotten. Ob eine Fliege summt oder nicht — den einen stört es, den anderen nicht. Die Einteilung ist auch biologisch totaler Schwachsinn: Es gibt keine schädlichen und unschädlichen Tiere. Krabbeltiere, Hunde oder Hyänen — ich könnte mir vorstellen, dass selbst Giraffen total lästig sein können. Wenn man das als Maßstab anlegen würde, müsste man alle Lebewesen ausrotten. 

Sie arbeiten täglich mit Insekten. 

Früher waren Insekten für mich vor allem Mitarbeiter, ganz pragmatisch. Inzwischen sehe ich da näher hin und habe einen erweiterten Blick auf sie. Ich möchte mich jetzt nicht auf Insekten beschränken, sondern es der Einfachheit halber „Krabbeltiere", also Kerbtiere, nennen. 

Eine Art, die ich schon sehr früh faszinierend fand, sind Bücherskorpione. Das sind kleine, skorpionsartige Lebewesen, die im Bücherregal leben und Staubmilben fressen — das ist super, cooler geht es ja nicht! 

Der Rotbeinige Schinkenkäfer sieht auch toll aus. Den sieht allerdings kein normaler Mensch. Er ist nur an halb vertrockneten Leichen zu finden. Mein Interesse für die traditionellen Schönheiten wie Marienkäfer und Schmetterlinge ist über einen Umweg gekommen: die Motten. Ich interessiere mich schon lange für Nachtfalter. Die sind auf den ersten Blick nicht so bunt, aber ich finde sie genauso schön wie Leicheninsekten. 

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Ich bin auch Pate der Markusfliege im Museum für Naturkunde (MfN) in Berlin — sie ist komplett schwarz. Ich mache da keinen Unterschied zu einem tropischen Falter. 

Selbst mancher Katzenschützer oder Hundefreund interessiert sich kaum für Krabbeltiere. Warum spielen Insekten im Tierschutz oft eine Sonderrolle? 

Stimmt, das ist oft so. Deshalb versuchen wir, mehr Menschen ins Boot zu holen und sie für Insekten zu begeistern. Wir arbeiten an der Basis, etwa mit der großen Aktion Insektensommer, sprechen die Leute — auch Tierschützerinnen und Tierschützer — einfach an und ich halte seit einigen Jahren Vorträge auf Veranstaltungen, von veganen Straßenfesten bis zum Welt-Insektenkundler*innen-Kongress und dem Europa-Parlament.

Bis vor etwa zwei Jahren fanden das die meisten Leute irgendwie son-derlich, auch Tierrechtlerinnen und Tier-rechtler und Menschen, die vegan leben. Aber das hat sich geändert, spätestens mit den eindrucksvollen Daten der Krefelder Studie über das Insektensterben. Für viele Tierschützer steht logischerweise das Tierleid im Vordergrund. Beim Schutz der Insekten geht es aber weniger um Empfindungen von Lebewesen, sondern um die gesamten Ökosysteme. 

Hat das Insektensterben Auswirkungen auf Ihre alltägliche Arbeit? 

Ja. Seit fast 30 Jahren sehe ich Leichen verfaulen. Dabei wird der Rückgang der Kerbtiere vielleicht deutlicher als im Alltag. Die Vielfalt des Lebens geht rasend schnell zurück. Sichtbar angefangen hat es bereits vor rund zwanzig Jahren mit dem krassen Rückgang der Amphibien, nun kommen mit den Insekten auch die Würmer, die ebenso wichtig für die Ökosysteme sind. Schließlich sind alle Lebewesen ins Nahrungsnetz eingebunden. 

Tierpopulationen können sich zwar erholen, wenn sich die Lebensbedingungen des Weges läuft und was die Tiere — auch Asseln, Ameisen und Spinnen — so treiben. Dann sollte man sie einfach mal als ganz normales Gegenüber wahrnehmen. Sie sind auch nicht anders als Menschen. Manchmal muss man das einfach erleben, um es zu verstehen. Sie interagieren genau wie wir, nur mit ihren Möglichkeiten. Der eine Mensch kann gut zeichnen, der andere ist sportlich oder technisch begabt. So ist es bei den Tieren auch. Ihr Können bewegt sich innerhalb ihres genetischen Repertoires. Aber die können etwas. 

Man muss nur bereit sein, mal hinzugucken und sich nicht für schlauer als andere Wesen zu halten. 

Was bedeutet Tierschutz für Sie persönlich?

Tiere in Ruhe zu lassen. Und natürlich, keine tierischen Produkte zu verwenden. Niemals. Ich halte das für absolut rückständig. Das kommt mir so veraltet vor, als müsste ich mit unpraktischer Kleidung und Werkzeug aus dem 13. Jahrhundert herumlaufen. Unsere Enkelinnen und Enkel werden sich schämen, wenn sie hören, dass wir Tierprodukte verwendet haben.  

„Insekten sind auch nicht anders als Menschen. Man muss das einfach erleben, um es zu verstehen.” 

verbessern. Sind Arten aber erst einmal ausgestorben, dann sind sie weg. Für immer. Da die Nahrungsketten derzeit zusammenbrechen und wir aktuell wie bei der Klimaerwärmung exakt am Chaospunkt stehen, braucht sich irgendwann zumindest niemand mehr Sorgen um Kriminalistik zu machen. Dann gibt es sowieso keine Industriekulturen mehr. 

Gibt es noch Hoffnung? 

Ganz normale Menschen, die nicht einmal tierschutzinteressiert sind, hören so langsam von der Wucht des Artensterbens. Ich halte keine Veranstaltung mehr ab, bei der ich es nicht kurz anspreche. Anfangs konnte man richtig merken, wie erstaunt die Zuschauer waren. Mittlerweile wun-dert sich niemand mehr, wenn ich anhand unserer Fauchschaben erkläre, wie es um die biologischen Netze steht. Diese Entwicklung hat nur zwei Jahre gedauert. Ich finde, das gibt Grund zu hoffen. Ich bin grundsätzlich nicht optimistisch, aber ich traue den Menschen zu, dass sie - und sei es auch nur aus wirtschaftlichem Antrieb - einlenken können. 

Was würden Sie Menschen empfehlen, denen Insekten noch immer suspekt sind? 

Einfach mal mit ihnen zusammenzuleben. Man kann sich beispielsweise einen Bienenstock einrichten, bei dem man aber bitte den Honig bei den Tieren lässt. Wenn man eine Seite verglast, kann man zusehen, was dort alles passiert. 

Fauchschaben sind einfacher zu halten und sehr interessant, ich lebe seit 20 Jahren mit ihnen zusammen. Jeder kann auch einfach rausgehen in den Wald. Viele Käfer verhalten sich ruhig, wenn sie Vibrationen spüren. Wer sich still hinsetzt, kann beobachten und staunen, was da so alles 

Wünschen Sie sich mehr Respekt für Insekten? 

Gliedertiere sind ganz normale Lebewesen. Wie alle anderen auch, ich sehe da keinen Unterschied. Wer Hunde oder Katzen mag, wer Kühe rettet oder jeder, der eine Tierfreundin oder ein Tierfreund ist, egal warum: Es gibt keinen Grund, nicht auch Insekten zu mögen. Die sind auch nicht anders. Man darf nur nicht erwarten, dass sie auf einen zugehen. 

Menschen denken immer, die Tiere müssten sich uns annähern. Was die Menschen dabei ver-gessen: Die sogenannten niederen Tiere brauchen keine Säuge- und Wirbeltiere. Säuge- und Wirbeltiere sind überflüssig für das Fortbestehen des Lebens auf der Erde. Deshalb sollten wir uns lieber deren Welt anschauen. Anstatt zu erwarten, dass sie in unsere Welt kommen. Sich diesen Tieren zu nähern und zu staunen, das kann wirklich jeder. 

Dr. Mark Benecke 

Als Kriminalbiologe ist Dr. Mark Benecke auf der ganzen Welt unterwegs. Beim Aufklären von Gewaltverbrechen zeigen ihm Leicheninsekten wie Fliegen und Maden den Weg zur Rekonstruktion des Tathergangs. Er ist nicht nur vereidigter Sachverständiger und Mitglied zahlreicher forensischer Organisationen, sondern teilt sein Fachwissen auch mit Laien: Neben regelmäßigen Auftritten im Fernsehen hält er Vorträge vor ausverkauften Hallen. Er ist Veganer und hält ein gewalt- und ausbeutungsfreies Miteinander von Mensch und Tier für richtig. Als Experte für Insekten setzt sich Benecke insbesondere für ihren Schutz ein und nutzt seine Popularität, um auf das Artensterben hinzuweisen. 

— Mit vielen Dank an die Redaktion für die Erlaubnis zur Veröffentlichung. — 


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