Eine Wurmkur gegen den Vampirismus

Quelle: Miroque, Nr. 5, III/2012, Seite 32

Forensiker Mark Benecke über historische Vampirismusfälle

Im Jahr 1601 setzte sich der Prediger Martin Böhm mit dem gruseligen "Schmätzen im Grabe" auseinander, einem Phänomen, das heute rational erklärbar ist. Wenn die Leichenstarre endet und der Unterkiefer des Toten herabfällt, entsteht ein schmatzendes Geräusch. Miroque kontaktierte den Forensiker, Kriminalbiologen und Präsidenten der Transylvanian Society of Dracula, Mark Benecke, um mehr über dieses und andere vampirische Phänomene zu erfahren.

"Everything we can imagine does exist", prangt es auf der Internetseite der Dracula-Gesellschaft. Das heißt auch: Man sollte unsere Vorfahren nicht belächeln, wel ihr Vampirglaube im Licht der modernen Wissenschaft zerfällt. "Die Menschen haben gesehen, was tatsächlich da war", bricht Mark Benecke eine Lanze für die historischen Vampirdiagnosen. "Dass bei Fäulnis veränderten Leichen rote Flüssigkeit aus dem Mund austritt oder sie scheinbar eine Erektion habe, weil der Penis vom Leichengas gebläht ist oder dass es aussieht, als seien ihre Fingernägel gewachsen, weil die Haut zurückgeht, das ist ja nicht falsch beobachtet. Es istnur falsch interpretiert. Und was das Blut angeht: Unser Blut bleibt flüssig, wenn man den toten Körper in Ruhe liegen lässt. Es fault."

Warum wurde damals eigentlich nicht versucht, nicht vampirische Leichen in ähnlichem Zustand zum Vergleich heranzuziehen? Anatomen gab es schließlich schon. "An Anatomieleichen kann man die entsprechenden Vorgänge aber nicht beabachten", gibt der Experte zu bedenken. "Gasblähungen oder starke Vertrocknungen, die nahe legen, dass Haare gewachsen seien, gibt es dort nicht." Beschrieben wurden diese Symptome trotzdem bereits 1732 - von Augustin Calmet, einem Benediktiner. "Er betonte, es könne gar keine Vampire geben", greift Benecke den Fall auf, "Gott würde so etwas nie zulassen. Calmet hat sein Beobachtungen angestellt, um diese These zu beweisen. Er beschaffte sich dafür die Berichte von Ärzten, die er kannte und die im Krig die Zersetzungsprozesse von Gefallenen auf dem Schlachtfeld beobachtet hatten."

Und wenn es sie dennoch gäbe? Im Falle einer Vampirbegegnung sollte man wissen, was wirklich hilft. Ist es Knoblauch? Oder stammt diese Idee lediglich aus bram Stokers Gewürzregal?

"Ich habe selbst gesehen, wie er in Südosteuropa als Schutzmaßnahme eingesetzt wurde", überlegt Mark Benecke. "Knoblauch gitl als gesund, etwa als Mittel für Wurmkuren. Erfindung ist dagegen überraschenderweise, dass der Vampir den Sarg verlässt, um Opfer zu suchen. Er liegt seine Familie, macht sie krank und holt sie so zu sich ins Grab. Wo Vampire herumspuken, geschieht das als eine Art Geistererscheinung. Jedes Mal, wenn dieser Geist in die Küche kommt, wir er materieller - und wenn er das oft genug praktiziert hat, dann bleibt er für immer im Haus."

Martin Böhm stellt begleitend zum "Schmätzen im Grabe" einen Anstieg der Pesttoten fest. Eine Theorie besagt, Vampire seien Seuchentote. Neben dem Schwarzen Tod wird auch Milzbrand hinter Vampirtoten vermutet. Was hält der Forensiker davon? "Das trifft wahrscheinlich in eingien Fällen zu; und ich halte es für plausibel, dass auch andere Krankheiten, die in Fmailien kursierte, zur Mythenbildung beigetragen haben - etwa die Grippe. Der Fall Petre Toma spricht ja auch dafür. Das war 2004. Die ganze Familie des vermeintlichen Vampirs war von einer Krankheit befallen: und als sie das Herz des Verstorbenen verbrannt und die Asche in Wasser gelöst zu sich genommen hatte, waren alle geheilt. Meine private Erklärung ist, dass der Tod von Toma und die Krankheit der Familie gar nichts miteinander zu tun hatten. Allerdings sahen die Kranken diesen Zusammenhang, und ihre Medizin hat dann wohl gewirkt, weil sie an diese Wirkung glaubten."

Mit herzlichem Dank an Christoph Kutzer und die Redaktion für die Freigabe und die Genehmigung zur Veröffentlichung.